Um die halbe Welt

Es war mein Traum vor dem Start zu dieser Reise, die beiden großen Ozeane mit dem Schiff und nicht im Flugzeug zu überqueren. Jahre über Land die Welt zu bereisen und dann die großen Strecken über Wasser im Flug hinter mir zu lassen, passten einfach nicht in mein Bild einer Weltumrundung mit dem Motorrad. Ich bin froh, dass dieser Traum zumindest für die Überquerung des größten Ozeans der Erde, für mich in Erfüllung ging. Am 13. März bin ich im Hafen von Tauranga in Neuseeland, an Bord des Containerschiffes ANL Bindaree gegangen und 18 Tage später, nach einem kurzen Halt in Tahiti, unter der Golden Gate Brücke hindurch in die Bucht von San Francisco eingefahren. Meine Ankunft in den USA war gekrönt von strahlend blauen und Wolkenlosen Himmel.

Die Überquerung des Pazifiks auf einem Handelsschiff war eine Erfahrung, die ich auf dieser Reise nicht missen möchte, die unendliche Weite des Ozeans sehr eindrücklich. Es war gut 18 Tage ohne Internet, die Ruhe genießend die bisherige Reise ein wenig Revue passieren zu lassen. Es war interessant, das Leben und die Arbeit der 22 köpfigen Crew an Bord mitzuerleben und Hautnah dabei sein zu dürfen. Es war mir eine besondere Freude auf Bitten der Mannschaft einen Vortrag über meine Reise an Bord zu halten, die von allen, inklusive Kapitän, außer der beiden Offiziere die die Stellung auf der Brücke hielten, interessiert verfolgt wurde. Bis weit nach Mitternacht verbrachte ich mit den Seeleuten und Offizieren im Aufenthaltsraum und beantwortete Fragen die sie nach meinem Vortrag stellten. Mir wurde Zugang zu allen Bereichen des riesigen Schiffes gewährt und für michgab es eine besondere Herausforderung, als ich die Möglichkeit bekam eine Tätowierung für einen der Seeleute während der Überfahrt, bei recht regem Seegang, anzufertigen.

Der Abschied im Hafen von Oakland, gegenüber von San Francisco viel schwer, gerne wäre ich weitergefahren mit der Crew, die in kurzer Zeit teils zu guten Freunden wurden.

 

Zwölf Jahre war es her, dass ich den Nordamerikanischen Kontinent besucht hatte. Auf vielen Reisen zuvor, allerdings nie mit einem Motorrad bin ich durch die USA gezogen, in Teils abenteuerlichen Wohnwagengespannen oder mit dem Greyhound Bus. Vor über Dreißig Jahren begann ich im Bundesstaat Idaho, bei Electric Dragon und Russel Myers meine Karriere als Tätowierer. Oft bin ich vor allem durch die Westlichen Staaten gereist und konnte mit guten Tätowierern Kontakte knüpfen, mit ihnen Arbeiten und von Ihnen lernen.

Freunde aus San Francisco sammelten mich am staubigen Parkplatz an den Kaianlagen des riesigen Hafens von Oakland ein und staunten über meinen riesigen Gepäckberg, den ich um mich gestapelt hatte. Mein treues Motorrad der Weiße Elefant war mir vorausgeflogen und wartete bereits im Lagerhaus einer Frachtfirma auf mich. Abermals war die Luftfracht eine einfachere Variante gegenüber einer Seefracht meines Motorrades, die Kosten eines Frachtfluges unerheblich höher.

Bereits am Tag nach meiner Ankunft konnte ich bei herrlichem Frühlingswetter die Frachtkiste auf dem Parkplatz der Frachtfirma zerlegen, fix das Vorderrad montieren, die Batterie an klemmen und den Weißen Elefanten mit dem mitgebrachten Reservekanister wieder zum Leben erwecken. Nur eine Stunde später rollte ich mit breitem Grinsen durch die Straßen von San Francisco. Noch nicht einmal beim Amerikanischen Zoll musste ich vorstellig werden, da dieser sehr gern mein „Carnet des Passages“ für die Einreise genutzt hatte und somit weitere Zollpapiere hinfällig waren.    

Einige Tage hielt ich mich in San Francisco und Umgebung auf, bevor ich aufbrach mich langsam in Richtung Norden zu bewegen. Ich besuchte einige Tätowierkollegen in Nordkalifornien und erhielt eine Einladung nach Ukiah, wo ich eine Legende des modernen Tätowierens in Amerika kennenlernen durfte. Lyle Tuttle, der bereits 1957 sein Tätowierstudio in San Francisco eröffnete und inzwischen im Ruhestand ist, lud mich zu sich nach Hause ein und es war mir eine besondere Ehre einige Tage mit dem Mann, der auf allen Kontinenten in seinem Leben tätig war, Geschichten über unseren Beruf und Kunst zu teilen.

 

Anfang Mai brach ich in Richtung Idaho auf und spürte auf dieser Reise zum ersten Mal wie sich Winter anfühlen konnte. Nach einer Nacht am Straßenrand in Oregon auf meinem Weg nach Norden, fand ich meine Wasserflasche hart gefroren neben meinem Zelt nach dem Aufwachen. Der Frost in den Höhenlagen der Nördlich gelegenen Bundesstaaten der USA war noch knackig und in den kommenden Wochen fuhr ich immer wieder einmal durch kräftige Schneegestöber. Auch mein Besuch im Yellowstone Nationalpark in Wyoming und Montana Mitte Mai war eine sehr kalte Angelegenheit, bei der ich schnell lernte, dass bei einer Höhe ab 1500m zu dieser Jahreszeit noch lange kein Frühling garantiert ist. Als ich später im Mai wieder in etwas niedrigeren Lagen in Idaho unterwegs bin, verwöhnen mich Sonnenschein und Wärme auf meinem Weg. Idaho überrascht mit Traumstrecken, ich finde herrliche kurvige, technisch Anspruchsvolle Schotterpisten in den Sawtooth Mountains, oder weite offene Landschaften in den südlichen Teilen dieses Bundesstaates, auf denen ich manchmal Stundenlang ohne jeden Weg oder Pfad querfeldein unterwegs bin, unter dem weiten Himmel der Prairie, in der am Horizont Berge aufsteigen die bereits in Nevada liegen. In einer Flussbiegung am Salmon River schlage ich ein einsames Lager auf und nach einem erfrischenden Bad im eiskalten Fluss und näherer in Augenscheinnahme meiner Lagerstätte wird mir klar, dass ich in dieser Nacht nicht alleine sein werde. Etwas mulmig wird mir, als ich an einem Baum nur wenige Meter von meinem Zelt entfernt, deutliche Kratzspuren eines Bären entdeckte. Ich fotografiere Tier Kot den ich nicht zuordnen kann und erfahre wenige Tage später von einem befreundeten Lakota Indianer, dass der Haufen von einem stattlichen Berglöwen stammte. Ein Wolfsrudel zieht durch mein Camp in dieser Nacht und ich bin froh ungegessen, nach kurzem nervösem Schlaf in dieser Nacht aufzuwachen. Mir wird bewusst, dass ich mich von nun an, bedingungslos an alle Vorsichtsmaßnahmen halten muss, die nötig sind, um ein ungewollten Besuch der großen Bewohner der Wildnis, die in der Lage sind einen einsamen Motorradreisenden zu verspeisen. Fortan herrscht eiserne Disziplin im Umgang mit Essensresten und allem was irgendeinen Geruch, der Bären aus weiter Entfernung anlocken kann. Lebenswichtig in den kommenden Monaten!

In Idaho besuche ich Weggefährten meiner Ausbildungszeit und treffe meinen ehemaligen Lehrherrn, der mir anerkennend auf die Schulter klopft und zufrieden ist mit meiner Entwicklung als Tätowierer. Am 20. Mai 2016 halte ich einen weiteren Vortrag über meine Reise in Boise Idaho. Mein Aufbruch aus dem Ruhrgebiet jährte sich an diesem Tag bereits zum Zweiten Mal und aus diesem Anlass hatte ich eingeladen, meine Erlebnisse meines bisherigen Weges zu teilen. Für mich schließt sich ein Kreis. Vor über dreißig Jahren begannan diesem Ort mein Leben als Tätowierer. Nach über drei Jahrzehnten mache ich hier Halt auf meinem Weg um die Welt…alles Erreichte der vergangenen Jahrzehnte verdanke ich meinem Beruf und dieser alten Kunst…Ich bin Russel an diesem Abend sehr dankbar mir Einst Zugang zu dieser damals noch verruchten und schwer Zugänglichen Welt des Tätowierens gegeben zu haben…es hat mir unendlich viel ermöglicht im Leben…unter anderem diese Reise!

 

    Viele meiner „Tätowierfamilie“ aus Idaho und mir bis dahin völlig fremde folgten meinem Vortrag und abermals beantwortete ich viele Fragen bis tief in die Nacht. Als sich der Mai dem Ende näherte beschloss ich nun endgültig in Richtung Norden zu ziehen. Ein weiteres Mal blieb ich in Oregon auf einer Nebenstrecke in großer Höhe im Schnee stecken, bevor ich wenige Tage später Seattle erreichte. In Seattle erfuhr ich abermals die große Hilfsbereitschaft der internationalen Touratechfamilie und man bot mir dort bereitwillig einen Raum an, in dem ich einige längst überfällige Wartungsarbeiten an meinem Motorrad durchführen konnte. Iian von der TT Zentrale in Seattle nahm sich mein Touratech Suspension Federbein zur Brust und ließ dem guten Stück eine längst überfällige völlige Überholung angedeihen. Zu unser beider Überraschung stellten wir bei der kompletten Zerlegung des Stoßdämpfers, der inzwischen 80.000km meine überladene Africa Twin über die Knüppelpisten dieser Welt getragen hatte, keinerlei Verschleiß fest. Keine Komponenten des Federbeins wiesen Gebrauchsspuren auf, die Anlass zur Sorge hätten geben können. Ich hätte meine Weltumrundung sicher ohne eine Wartung dieses wichtigen Bauteils einer schweren Reiseenduro beenden können. Aufgrund meiner hohen Beladung schlug Iian vor, eine kräftigere Feder zu verbauen, umso weitere Reserven bei intensiver Nutzung gewährleisten zu können. Seine Einschätzung verhalfen zu einem nochmals besseren Fahrverhalten meiner schweren Maschine. An nur einem Tag erledigte ich alle erforderlichen Wartungen am Weißen Elefanten bei TT in Seattle und bereits am Folgetag rollte ich generalüberholt der Kanadischen Grenze entgegen.

 

Nach einer etwas holprigen Einreise, verursacht durch einen ziemlich überengagiertem Grenzbeamten erreiche ich spät am Abend Vancouver, wo ich sehr zentral für ein paar Tage bei Jeremy, einem passioniertem Motorradfahrer unterkomme. Jeremy verfolgte meine Reise bereits seit einigen Monaten im sozialen Netzwerk und hatte mich kurzerhand eingeladen, falls ich Vancouver erreiche. Gemeinsam unternahmen wir einige Touren im Umland von Vancouver und abermals war es etwas Besonderes die Stadt von einem Einheimischen gezeigt zu bekommen und die schönsten Orte unter seiner Anleitung zu finden. Nur wenige Kilometer außerhalb der Millionenstadt Vancouver beginnt herrlich unberührte Landschaft in Kanada. Der Frühling, der nun auch hier im Norden deutlich überall Sicht und Spürbar ist verwöhnt mich mit mildem Wetter. Das Motorradfahren auf wenig befahrenen Strecken in Kanada ist ein Genuss, immer wieder halte ich an und lasse die schier unglaubliche Schönheit der Wildnis auf mich wirken. Die Tage werden immer länger je weiter nördlich ich reise…es ist plötzlich unproblematisch erst am Abend nach einem Zeltplatz Ausschau zu halten, ohne das Camp in der Dunkelheit aufschlagen zu müssen. 

 

Anfang Juni beginne ich durch die Kanadischen Rocky Mountains zu reisen, mein Tagespensum schrumpft ständig, weil ich nicht genug bekommen kann von der unglaublichen Szenerie die mich umgibt, werden gesetzte Tagesziele zweitrangig. In Salmon Arm treffe ich den Kanadischen Indianer Dion Kaszas der aktiv an einer Wiederbelebung der einst reichen Tätowierkultur seines Volkes arbeitet. Er betrachtet diese Arbeit als einen Teil der Dekolonialisierung. Gemeinsam erklimmen wir Berge in denen er mich zu abgelegenen Höhlen führt, auf deren Wänden Jahrtausende alte Felszeichnungen seiner Vorfahren zu finden sind. Diese Symbole und die Geschichten der Alten seines Volkes, sind ihm heute Inspiration bei der Wiederentdeckung der alten Symbolik der Stämme seiner Region. Nach einem Aufenthalt in Edmonton, wo ich Anne und Patricius aus der Schweiz wiedertreffe, die ich im Januar 2015 während ihrer Weltumrundung auf zwei BMW s in Bangkok, Thailand kennenlernte, schnalle ich frische Reifen für die anstehenden tausende von Kilometern, an die Sturzbügel des Weißen Elefanten und breche weiter nach Norden auf. Die noch aufgezogenen Pneus möchte ich so weit es geht, kurz und klein nutzen, um mit möglichst frischem Material die großen Materialfressenden Strecken nördlich des Polarkreises meistern zu können. Einige Kilometer Nordwestlich von Edmonton, treffe ich beim Auftanken den Aktivisten und Ultraläufer Caribou Legs der durch Kanada rennt um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Unsere Zusammenkunft ist kurz aber intensiv. Caribou Legs legt nur eine kurze Pause ein um zwei Bananen zu essen und etwas zu trinken…48km ist er an diesem Tag bereits gerannt, 35 weitere liegen vor ihm, er muss weiter bevor seine Muskeln kalt sind. Dieser Mann hat in den letzten Jahren tausende von Kilometern in Kanada in seinen Laufschuhen absolviert…unter anderem ist er den über siebenhundert Kilometer langen und zum Teil nördlich des Polarkreises gelegenen „Dempster Highway“ im Winter gelaufen! Caribou Legs stammt aus Inuvik, einer kleinen Siedlung, der nördlichsten die im Sommer auf Schotterpisten in Kanada zu erreichen ist. Er motiviert mich seine Heimat zu besuchen und nach unserer Zusammenkunft möchte ich Inuvik unbedingt auf dieser Reise erreichen. Später an diesem Tag werde ich in Grande Prairie, im Norden der Provinz Alberta von einem Unwetter eingeholt, dass mich zum ersten Mal auf meiner Reise zu einem Wetterbedingten Stopp zwingt. Der Wind bläst dermaßen kräftig, dass mein Motorrad nur schwer zu steuern ist, Unmengen an Hagel und Regen zwingen mich in ein Motel Zimmer. Hinter dem Fenster des Zimmers in dem ich überall Kleidung und Teile meines Gepäcks zum Trocknen auf gehangen habe, beobachte ich den wütenden Sturm. Der Weiße Elefant, der zur Windrichtung geneigt auf dem Seitenständer steht wird einige Male fast umgeworfen! Ich drehe in um und stelle ihn gegen den Wind…unglaublich! Ich beobachte Werbeschilder und Teile von Hausfassaden die am Fenster mit quer fliegendem Starkregen vorbei fliegen. Am kommenden Morgen nach eingehendem Studium des Regenradars wird deutlich, dass nur 400km weiter nördlich klarer Himmel das Wetter bestimmt. Ich entschließe trotz der Bedenken vieler in Grande Prairie meine Fahrt fortzusetzen. Der Wind hat nachgelassen, es „regnet“ nur noch kräftig. In Dawson Creek herrscht totales Chaos wenige Stunden weiter Nordwärts. Der gesamte Ort ist abgeriegelt, der örtliche Fluss ist dermaßen angeschwollen, dass bereits einige Brücken fortgespült worden. Riesige Seen umgeben die Ortschaft. Erst nach einigen gewagten Wasserdurchfahrten finde ich einen Weg der mich weiter nach Norden bringt. Ich schaffe es an diesem Tag noch bis Fort Nelson auf dem berühmten „Alaska Canada Highway“.

 

Einhundert Kilometer vor Fort Nelson ist der Himmel fast Wolkenfrei. Ich treffe auf Bisons und sehe in nur einer Stunde acht teils Kapitale Schwarzbären am Straßenrand, die unbekümmert die wärmende Frühlingssonne genießen. Es dauert manchmal bis sie meine zaghaften Versuche, mich so nah mit dem Motorrad an sie heranzupirschen um ein gutes Foto, bei halb geöffnetem Tankrucksack und laufendem Motor, fest im Sattel sitzend, von ihnen zu erhaschen. Jedes Mal wenn sie mich bemerken flüchten sie Hals über Kopf in den Wald. Ich bin froh, dass die Bären auf die ich treffe offensichtlich unverdorben und wild ihrem Bärenleben in der immer riesiger erscheinenden Wildnis nachgehen. Die Weite der Landschaft und ihre nicht vorhandene Zivilisation für hunderte von Kilometern bis zur nächsten Siedlung, werden immer beeindruckender, je weiter ich nach Norden gelange. Am kommenden Tag erreiche ich die Provinz Yukon, die etwa ein Drittel größer ist als die Bundesrepublik. Ganze 35.000 Menschen leben hier, von denen 25.000 in der „Provinzhauptstadt“ Whitehorse leben. Abermals auf dieser Reise, wie zuvor im Outback Australiens erlebe ich für einen Mitteleuropäer unfassbare Weite und Einsamkeit. In der zweiten Junihälfte erreiche ich das berühmt berüchtigte Goldgräberstädtchen Dawson City, gelegen am Yukon und Klondike River. Dawson ist Ausgangsort zum „Top of the World Highway“, der nach Alaska führt. 40 Kilometer vor Dawson liegt der Abzweig zum „Dempster Highway“ einer über 700km langen Piste die über den Permafrostboden der Tundra, über den Polarkreis hinaus in die „North West Territories“ nach Inuvik, gelegen im riesigen Delta des McKenzie Rivers, führt. Ich ziehe meine frischen Reifen von Hand auf bevor ich mich aufmache den Polarkreis zu überqueren. Der Belag des Dempsters soll an manchen Stellen sehr Materialzermürbend sein, so dass die Übung beim Reifen auf und abziehen sicher nicht schaden kann. Ich treffe nur wenige Tage nach der jährlich Stattfindenden Pilgerfahrt der Adventurebiker Nordamerikas, dem „Dust till Dawson“ einer lockeren Zusammenkunft von inzwischen aus allen Teilen der Welt anreisenden Motorradfahrern, zur Sommersonnenwende im hohen Norden Kanadas.

Ich treffe noch einige Hartgesottene, die nach teils Tausender Kilometer langen Anreise von weit her, die manche von ihnen in wenigen Tagen absolvierten, noch einen „Ausflug“ nach Inuvik und zurück angehangen hatten. Manche kehrten mit deutlichen Kampfspuren zurück und berichteten von teils fürchterlichen Schlammschlachten auf Teilabschnitten der rund 1500km langen Rundreise. Manche Stürze und Ausrutscher wurden beklagt, einige kleinere Schäden provisorisch gerichtet, um die lange Heimreise wieder antreten zu können. Ich treffe viele Interessante Reisende in Dawson, ein Paar aus Deutschland, vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert, seit zwei Jahren auf ihren alten BMW GS unterwegs auf dem Süd und Nordamerikanischem Kontinent. Ein Paar aus Montana mit ihrem Hund, die von Whitehorse nach Dawson hunderte von Kilometern den Yukon im Kanu hinabgepaddelt sind, Motorradfahrer aus den Südstaaten der USA, die in einer Woche bis Dawson gefahren sind und nun in einer Woche zurückfahren, sie legen dabei meist über 1000km pro Tag zurück, Radfahrer die bis hier rauf gefahren sind… Ich kann mich bei Steve aus Minnesota mit auf die Parzelle auf dem völlig überfüllten Campingplatz in Dawson quetschen. Er hat sich drei Tage zuvor bei einer Ausfahrt zu einer der ehemalig Zahlreichen Goldminen in der Umgebung, während eines Ausrutschers das Knie verdreht und er hing nun fest, weil er sich kaum bewegen kann. Er ist froh dass ich ihm in den kommenden Tagen morgens aus seinem Zelt helfen kann…

Die um diese Jahreszeit vollkommen fehlende Nacht gibt einen enormen Energie Schub, bis in die Morgenstunden sitzen Gruppen verschiedener Weltenbummler beisammen und berichten von ihren Abenteuern. An einem Donnerstagmorgen sieht die Wetterprognose für eine Fahrt über den Polarkreis hinaus recht stabil aus und ich breche auf um den Dempster unter die Räder zu nehmen. Nach der Hälfte der Strecke in Richtung Inuvik schlage ich an der Raststätte Eagle Plains mein Zelt auf. Einige kräftige Regengüsse auf den letzten Kilometern dorthin, haben einen kleinen Geschmack auf die sich schnell verändernden Bedingungen in der unendlichen Weite der Arktischen Tundra gegeben. Der Tankwart bittet mich während ich meinen riesigen Tank, der gerade Mal zur Hälfte geleert ist wieder auffülle, im Rasthaus mit dem Chef zu sprechen. Er hätte Funksprüche von LKW Fahrern bekommen, die 70km nördlich von tiefem Schlamm und Starkregen berichteten. Da es auf den folgenden 200km keinerlei Siedlung oder Unterstand bietet, ziehe ich es vor faul zu sein und bereits am frühen Abend ein üppiges aber teures Abendessen im Rasthaus, geschützt vor Trilliarden von Mücken zu genießen. Die restlichen Kilometer bei der Peel River und der mächtige Mc Kenzie River mit kostenlosen Fähren überquert werden, vergehen für mich wie im Flug am kommenden Vormittag und als ich kurz nach Mittag in Inuvik in der Hitze des Arktischen Sommers mein Zelt aufschlage, wundere ich mich ein wenig über den allgemeinen Respekt vor dieser Piste. Die Tatsache, dass die Sonne hier oben um diese Jahreszeit 24 Stunden scheint, lässt selbst aufgeweichte Passagen, erstaunlich schnell wieder befahrbar werden. Selbst auf dem Rückweg einige Tage später, der von einigen kräftigen Schauern begleitet wird, empfinde ich den Dempster, selbst bei hohen Geschwindigkeiten auf einem schwer beladenem Motorrad, als beherrschbar. Ich habe schwierigere Strecken kennengelernt auf meinem Weg. Die Reise über den Dempster wird mit einem unfassbarenNaturerlebnis belohnt. Die Landschaft durch die es geht wandelt von zunächst hohen Gebirgszügen in weite Tundra Ebenen, die Vegetation wird nördlich des Polarkreises in manchen Bereichen immer karger. Blumen blühen im kurzen aber intensiven Sommer. In Inuvik hindert mich die Sonne Tagelang davor zur Ruhe zu kommen. Um drei Uhr morgens wache ich Schweißgebadet auf da die Sonne die rund um die Uhr hoch am Himmel steht, mein Zelt in eine Sauna verwandelt hat.              

Die Mücken die in Scharen über einen herfallen, sobald man sich nicht zügig bewegt, sind nur mit adäquaten Kopfnetzen und dicker Kleidung, die nicht durchstochen werden kann, zu bewältigen. Tagelang ist es in Inuvik über 26° warm…Tag und Nacht. Eines Morgens ziehen plötzlich Wolken auf und nur eine Stunde später sind es nur noch 5° Grad. Ich esse rohes, gefrorenes Karibu und Trockenfisch, traditionelle Kost in diesem Teil der Welt. Nach einigen Tagen trifft mein Kumpel Lyndon Poskitt, der sehr schnelle Brite in Inuvik ein und wir freuen uns riesig über das dritte Mal, dass sich die Wege auf unseren Reisen, zufälliger Weise kreuzen. Gemeinsam reisen wir den Dempster zurück nach Dawson, unterwegs genießen wir eine weitere Taghelle Nacht in der unberührten Wildnis mit knisterndem Lagerfeuer. Zurück in Dawson gönnen wir uns den Luxus eines Zimmers das wir für ein paar Tage teilen…wir müssen beide „Büroarbeit“ erledigen und brauchen dazu einen Internetzugang. Am Samstag trennen sich unsere Wege wieder, Lyndon beginnt seinen langen Weg zur Dakar 2017 in Südamerika, an der er teilnehmen wird. Ich breche auf nach Alaska, noch lange habe ich nicht genug vom Arktischen Sommer der einem jedes Zeitgefühl raubt…

 

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Heiko Gantenberg