Aotearoa

 

Unterwegs im Land der langen Weißen Wolke…       A o t e a r o a

Start in Coromandel und Northland…

Völlig entspannt bin ich am 18.November 2015, nach nur drei Stunden Flug, am späten Abend in Auckland gelandet. Auf den vier Reisen die ich zuvor hierher machte, war ich meist weit über 20 Stunden mit dem Flugzeug um den halben Planeten geschwebt und oft völlig gerädert hier angekommen. Das war diesmal ganz anders, 19 Monate hatte ich diesmal gebraucht um vom Ruhrgebiet nach Aotearoa zu kommen. Ich hatte die gesamte Strecke (und deutlich mehr, durch diverse Umwege…), mit dem eigenen Motorrad zurückgelegt. Den Entschluss, die Reise auf der ich mich zurzeit befinde zu unternehmen, fasste ich vor einigen Jahren hier in Neuseeland. Die Ankunft hier war ein wenig wie Heimkommen. Viele gute Bekanntschaften und einige Freunde habe ich hier gefunden und mich bei ihnen mit der Ankündigung, das nächste Mal mit dem eigenen Motorrad aus Deutschland hierher zu fahren, verabschiedet. Jetzt wo ich diesen für mich damals unvorstellbaren Weg hierher zurückgelegt hatte, kam mir diese ganze Reise sehr klein vor. Die über 60.000km die ich hierher abgeritten hatte, kamen mir vertraut vor. Ich hatte nicht das Gefühl die halbe Welt umrundet zu haben, ich war doch einfach nur Motorrad gefahren! Das ursprüngliche Ziel dieser Idee zu einer längeren Motorradreise war erreicht...ich ging unbeschwert durch die milde Frühlingsluft in dieser Neuseeländischen Novembernacht. Mit Hilfe der in Paeroa lebenden, vor acht Jahren aus dem Ruhrgebiet hierher ausgewanderten Familie Schween, hatte ich bereits am Tag darauf den Weißen Elefanten, meine inzwischen 22 jährige, treue Africa Twin, vom Flughafen in Auckland abgeholt und in der beeindruckenden Motorradwerkstatt „House of Custom“  von Mike Schween, waren Probleme mit dem Gleichrichter und einiger verschmorten Steckverbindungen, in Windeseile gelöst. Mike baut in seiner Werkstatt zwar eher Motorräder mit 300er Hinterreifen und Zwei Liter Hubraum, aber sein Enthusiasmus für Motorräder macht auch vor Abenteuer Motorrädern kein Halt. Montae vor meiner Ankunft hier hatte Mike, den ich vorher nicht kannte, mich kontaktiert und mir seine Werkstatt zum Schrauben und seine Unterstützung bei Reparaturen oder Wartungsarbeiten angeboten. Mike wartete bereits mit Öl und Reifen auf mich, die hatte er gemeinsam mit dem Neuseeländischen „Bike Rider Magazine“ bei lokalen Sponsoren für mich besorgt.

Da die Familie Schween, wie ich aus dem Ruhrpott stammt, sprachen wir von Beginn unserer Bekanntschaft „Ruhrdeutsch“ miteinander, was mich nun immer mehr wie ein Heimkehrer fühlen lies… Der Weiße Elefant stand wenige Stunden nachdem wir ihn aus seiner Luftfracht Kiste befreit hatten wieder zusammengesetzt und repariert, fahrbereit in der Frühlingssonne und unser erster Ausflug ging nur über eine kleine Mittelgebirgskette, im Hinterland der Kleinstadt Paeroa, etwa 140km südöstlich von Auckland. Auf schönen Schwüngen führt die 25 A von Kopu nach Tairua durch den Coromandel Forrest Park, kurz nach Hikuai führt der Weg entlang des Tairua River, der immer breiter werdend als Fjord, weitein langes Tal entlang bis zum Meer führt. Mount Paku taucht irgendwann am Horizont auf, dieser etwa 200 Meter hohe Vulkankegel, steht wie eine Trutzburg an der Mündung des Tairua Rivers, ihm gegenüber die Feriensiedlung Pauanui, in der die meisten Häuser bis auf ein paar Wochen im Jahr, wenn ihre Reichen Besitzer aus Auckland Urlaub machen, leer stehen.

In dem kleinen Städtchen Tairua ist es ähnlich, allerdings gibt es dort einige hundert ständige Bewohner. Bei meiner Bekannten Teresa in Tairua bleibe ich einige Tage hängen, und genieße den nahenden Sommer. Dieser Küstenabschnitt Neuseelands hat einige Traumbuchten, von denen ich viele in den kommenden Wochen, mit unbeladenem Motorrad besuche. Es ist schön mal nach einem Tagesausflug das Motorrad abzustellen und in einem Bett zu schlafen, Zugang zu einem Kühlschrank und Küche zu haben und mit guten Bekannten über das Erlebte zu plaudern.

Für ein paar Tage breche ich in den Norden auf und besuche den Waipoua Forrest in dem gewaltige Kauri Bäume, die vor zweihundert Jahren noch riesige Flächen Neuseelands bedeckten, zu finden sind. Diese Riesen, deren Stammumfang 15 Meter und mehr betragen kann, wirken völlig anders als Bäume wie wir sie in Mitteleuropa kennen. Andere Pflanzen finden Lebensraum auf ihnen und es tragisch wie schnell diese Urwaldriesen hier vernichtet wurden, um Platz für Viehzucht zu schaffen. Der ursprüngliche Wald durch den man heute auf gut angelegten Wegen spazieren kann ,vermittelt gut wie fantastisch die Vegetation hier einst war. Der Highway 12 eine kleine Landstraße, führt aus den Hügeln des Waipoua Forrest an den Hokianga Harbour. Der Blick auf diesen, an der Westküste mündenden Fjord, vom Waipoua Forrest hinab ist zauberhaft. Gegenüber zur Mündung, an der abends die Sonne im Meer versinkt, türmen sich riesige Sanddünen auf. Weiter ins Landesinnere säumen Mangrovenwälder das Fjordufer. Ständig wechselnde Lichtverhältnisse durch ziehende Wolken, eine sich verändernde Küstenlandschaft durch Ebbe und Flut und Türkisfarbenes Wasser verwöhnen das Auge. Viele Menschen hier sind Nachfahren der Maori und es wird mit „Kia Ora“ gegrüßt. Im Örtchen Rawene geht es mit einer kleinen Fähre über den Hokianga nach Kohukohu und von dort aus beginnt der Norden Neuseelands. Diesen Teil will ich mir für später aufheben und überquere die Insel in zwei Stunden zur Ostküste in die Bay of Islands. Diese vom Tourismus sehr erschlossene Bucht und Wohnort vieler Super Reicher hat nur noch wenige schöne Flecken zu bieten die besuch bar sind. Die meisten Küstenabschnitte sind bebaut und somit in Privatbesitz und nicht mehr zugänglich. In Waitangi dem Ort in der Bay of Islands, an dem am 6.Februar 1840 die Engländer mit den Maori einen Vertrag über die Nutzung ihres Landes unterzeichneten, gibt es heute rund um die historischen Gebäude in der die Vertragszeremonie stattfand viel zu der ursprünglichen Kultur der Maori zu erfahren. Ein riesiger “Marei“, ein Versammlungshaus wurde errichtet. Alle Maori Stämme Neuseelands trugen zu der Gestaltung dieses Versammlungshauses bei und es ist verblüffend zu sehen wie verschieden die Holzbildhauerei regional in Neuseeland praktiziert wird. Das Schnitzen von Holz, Knochen und Jade ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur der Maori. Es war und ist ihre Ausdrucks und Dokumentationsart von persönlichen Stammesgeschichte. Die Maori kannten, wie alle Polynesischen Völker keine Schrift, bevor sie mit Weißen Siedlern in Kontakt kamen. Die Bildhauerei und Tätowierung, die sie unter dem Oberbegriff „Moko“ zusammenfassen, birgt sämtliche Information über Herkunft und Werdegang eines jeden Stammes. Jedes noch so kleine Detail der Geschichte dieser Menschen, bis hin zu dem Kanu mit dem ihre Vorfahren aus den weiten des Pazifischen Ozeans, einst Aotearoa besiedelten, ist in ihrer Kunst dokumentiert.

Auf dem Weg zurück in Richtung Süden verbringe ich einige Tage auf der Farm meines Kumpels Marc in der Nähe von Whangarei. Auf über 5 Millionen Quadratmetern Hügeligem Grasland wachsen Junge Bullen zu stattlichen Kolossen an, die dann im Alter von einem Jahr weiter gehandelt werden. Ich komme genau richtig, da Marc zurzeit noch etwa 300 Kälber zu versorgen hat, beginnen seine Arbeitstage bereits um fünf Uhr morgens und es stört ihn nicht, dass ich ihm für einige Tage zur Hand gehe. Gemeinsam mit einem seiner Hütehunde fahre ich bereits am zweiten Tag als Team durch die Landschaft und treibe mit Hilfe dieses beeindruckend eifrigen und schlauen Hundes, mit einem ATV, einem geländegängigen Allradeinsitzer, Herden von Bullen von einer Weide zur anderen. Die Kunst des Farmers besteht darin seine Tiere immer mit frischem Gras zu verwöhnen. Bei der Fläche die Marc dazu zur Verfügung steht, ist das für rund 1200 Bullen möglich. Der Arbeitsaufwand ist enorm und Freizeit in der mein Kumpel mal seine 990er KTM, oder seine 510er Husqvarna bewegen kann, hat er kaum.

Bis Weihnachten bummle ich an der Küste von Coromandel südlich und nördlich von Tairua herum. Kurz nach Weihnachten füllt sich dieser herrlich träge Ort mit Feriengästen aus der großen Stadt Auckland und Touristen aus der ganzen Welt.

Raukumara, Te Uruwera Waikaremoana, Taupo, Tongario bis zur Kapiti Küste  

Ich mache eine drei Tagestour gemeinsam mit Marc, dem Farmer aus Whangarei und einigen anderen Motorradfahrern die ich auf einer anderen Reise hierher vor vielen Jahren kennenlernte. Durch die Raukumara Berge im Hinterland des Ost Kaps der Nordinsel, entlang der alten Motu Road führt unsere Tour meist über Schotter nach Gisborne. Von dort aus starten wir früh am kommenden Morgen und verlassen die geschotterten Pisten und technisch teils Anspruchsvollen Forstwege erst am späten Abend bei Taupo wieder. Wir haben es mit fünf Motorrädern in diesen Tagen richtig krachen lassen und haben alle ordentlich Staub gefressen auf unserem 1300km langen Weg, von denen 900km über unbefestigte Wege führten. Entlang des Lake Waikaremoana, der umgeben von unberührter nativer Pflanzenwelt in herrlichem Sonnenschein erstrahlt, führen uns Pisten die nur alt eingesessene Abenteurer wie meine Kollegen kennen können. Gemeinsam verfügen sie über mehr als hundert Jahre Pisten Erfahrung auf beiden Inseln Neuseelands. Obwohl sie auf wesentlich moderneren Maschinen unterwegs sind, muss sich der Weiße Elefant und sein Treiber nicht verstecken auf dieser Tour. Nicht zu schwer beladen fällt der Entwicklungsunterschied von rund zwanzig Jahren bei unseren Motorrädern kaum auf. Die Tankstopps die zwei KTMs, eine BMW und eine Yamaha einlegen müssen, verbringen der Weiße Elefant und ich im Schatten…der riesige Touratech Tank macht eine Benzinaufnahme für uns erst beim zweiten Tankstopp nötig. Das Jahr 2015 klingt für mich mit einem Konzert von „Fat Freddys Drop“, einer auch in Deutschland bekannten Neuseeländischen Band, an einem lauen Sommerabend in der Coroglen Taverne an der Coromandel Küste aus. Die Stimmung ist Bombastisch und die Musik wie vieles in Neuseeland…tiefenentspannt.  

Am Silvestertag rausche ich in wenigen Stunden durchs Zentrum der Nordinsel, entlang des riesigen Lake Taupo, der einst ein Vulkan war und bei einer riesigen Explosion zum See wurde. Diese Eruption verdunkelte die Erde für viele Jahre und löste wahrscheinlich eine Eiszeit aus. Auf dem Weg durchs Zentrum der Nordinsel wird die geologische Aktivität Neuseelands oft Sicht und riechbar. Immer weder stößt der Reisende auf heiße Quellen von denen manche kräftig nach Schwefel riechen.

Meine Fahrt an diesem Tag führt über Desert Road entlang des Vulkans Tongario, bis ich am Abend kurz vor Wellington wieder an die Westküste, in der Nähe der Kapiti Insel, mein Lager bei einem befreundeten Tätowierer aufschlage. Mit Tim und seiner Frau Brigette vom Pacific Tattoo in Otaki verbringe ich den Jahreswechsel und die ersten Tage des neuen Jahres. Die Küste gegenüber der Kapiti Insel hat wegen seiner geschützten Lage schöne Strände zum Schwimmen. Fast alle anderen Abschnitte der Westküste Neuseelands sind teils gefährlich, da kräftige Brandung und teils tückische Unterströmungen lauern. Das Wetter entlang der Kapiti Küste ist meist sonnig, obwohl im nur 50km entfernten Wellington meist eher regnerische Verhältnisse herrschen. Die kleine Hügelkette zwischen der Neuseeländischen Hauptstadt Wellington, die auch den Spitznamen „Windy City“ unter ihrer Bevölkerung hat, hält das Regenwetter von der Kapiti Küste fern. Ich verbringe einige Tage mit Tim damit die Umgebung von Otaki zu erkunden. Tim zeigt mir dabei mir bisher unbekannte Buchten und Naturreservate seiner Umgebung und da er sich gut in der lokalen Geschichte von Otaki auskennt, gibt es viel zu entdecken.

Zurück in Richtung Norden…Taranaki, Auckland, Ahipara und Cape Reinga

Am 4 Januar 2016 breche ich auf um einige Tage in New Plymouth in der Region Taranaki zu verbringen. Diese quirlige Kleinstadt fast am Westlichsten Ende der Nordinsel beherbergt eine ganze Schar von talentierten Tätowierern, von denen die meisten gute Bekannte geworden sind. In verschiedenen Tattoostudios in New Plymouth habe ich tätowiert und meine Zeit dort immer genossen. New Plymouth ist berühmt für seinen Hausberg, den Mout Taranaki, einem 2500 Meter hohen, aktiven Vulkan. Dieser immer schneebedeckte Berg, ist das erste was man vom Flugzeug aus erblicken kann, wenn man mit dem Flieger auf Neuseeland von Australien kommend zufliegt. Sein Gipfel schaut immer aus den Wolken. Die Umgebung des Mount Taranaki ist relativ flaches Land, so dass bei klarem Wetter, dieser Berg von weit sichtbar alles in dieser Region überragt. Das Wetter ist sehr Wechselhaft am Taranaki, so dass der imposante Kollos sich oft hinter Wolken vebirgt. Sehr früh an einem Samstagmorgen ist es soweit. Gemeinsam mit Jody, Craig und dem nur 12 jährigen Tommy breche ich auf um den Taranaki zu bezwingen. Nach etwa 4 Stunden haben wir den Gipfel erreicht. Die Aussicht mit der wir belohnt werden, macht alle Mühen und Schinderei die mit dem Aufstieg verbunden waren, wett. Weit über dem Horizont der Tasman See kann man die Krümmung der Erde erkennen. Der Blick reicht über 100km ins Land hinein…der Tongario steigt Östlich in den Himmel, klar sichtbar vom Schneebedeckten Gipfel des Taranaki. In Südlicher Richtung erkennt man den Küstenverlauf bis weit hinter Whanganui und nach Norden erschließt sich die Aussicht bis nach Awakino. Es ist ein erhebendes Gefühl hier oben zu stehen und wir verbringen über eine Stunde auf dem Gipfel, der einige Hundert Meter Durchmesser hat und gleichzeitig der Krater des Taranaki ist. Trotz Sonnenbrille werden die Augen vom gleißenden Licht das durch den Schnee reflektiert wird müde. Als wir schließlich wieder aufstehen um den Abstieg zu beginnen, wackeln unsere Beine. Der Abstieg entpuppt sich als weitaus anstrengender als vermutet und als wir am Abend wieder den Parkplatz erreichen wissen wir bereits, dass wir in den kommenden Tagen Muskelkater haben werden.

Einige Tage verbringe ich anschließend in Auckland, wo ich beim Amerikanischen Konsulat ein Visum für meine Weiterreise organisieren muss. Da ich auf dem Seeweg nach Amerika weiterreisen möchte brauche ich ein anderes Visum als sonst für Touristen üblich, so dass es in einen ziemlichen Papierkrieg ausartet und ich länger in der größten Stadt Neuseelands, in der ein Drittel der Bevölkerung lebt, verbringen muss.

Ich bin Heilfroh endlich wieder dem Großstadtmolloch zu entkommen und mache mich direkt in den hohen Norden auf, wo ich in Ahipara, dem südlichsten Punkt des Nintey Mile Beach ein Wiedersehen mit Marc und den anderen Kollegen habe, mit denen ich zwei Wochen zuvor durch die Region des Ost Kaps gefahren bin. Die Kollegen verbringen traditionell eine Woche Urlaub mit ihren Familien in Ahipara auf einem Campingplatz. Zum Urlaub bringen die Neuseeländer alle ihre „Spielzeuge“ mit, um damit auf dem Ninety Mile Beach und den gigantischen Sanddünen die sich Südlich von Ahipara auftürmen, auszutoben. Leichte Geländemotorräder, ihre Großen Enduros und Quads, stehen in einem riesigen Lager, dass sie zu jedem Sommer dort aufschlagen. Mehrmals täglich geht es mit Motorrädern auf den endlosen Strand und in die Dünen. Zum Auftanken und für kurze Ruhepausen kehrt man auf den Campingplatz zurück. Gemeinsam machen wir einige Ausflüge auf unseren Dickschiffen und erkunden den Herekino Harbour auf kleinen Forstwegen. An einem Tag zieht es uns rauf zum Cape Reinga, dem beinah Nördlichsten Punkt Neuseelands und einem sehr spirituellen Ort für die Maori. Nach ihrem Glauben wandert eine jede Seele der Verstorbenen hinauf zum Kap Reinga bei den Maori Te Rerenga Wairua genannt. Dort gleiten sie an den Wurzeln eines Baumes entlang ins Meer und verschwinden zur Insel Three Kings, die man nördlich vom Kap in der Ferne sieht. Von dieser Insel werfen die Seelen einen letzten Blick auf Aotearoa, bevor sie für immer zurück in die Geisterwelt Hawaiki entschwinden. Die Landschaft kurz vorm Erreichen des Kaps ist geprägt von üppigen Nativen Wald, das Land hier oben nur noch einige Kilometer weit. Die Straße führt auf den Bergkämmen entlang und gibt immer wieder den Blick frei nach Westen über den Türkisfarbenen Südpazifischen Ozean und nach Osten über die Tiefblaue Tasmansee.

Den Rückweg vom Kap Reinga nach Ahipara, etwa 120km donnern wir bei Niedrigwasser den Ninety Mile Beach entlang. Der Weiße Elefant erreicht auf dem festen Sand seine Maximalgeschwindigkeit von 160kmh und nur Marc rauscht an diesem Tag mit seiner 990er KTM mit über 200kmh an mir vorbei. Die Fahrt den Strand entlang ist unbeschreiblich, die rauschende Brandung auf der einen Seite und Dünen auf der anderen. 120km sind befahrbar, der Ninety Mile Beach ist also nicht wie sein Name vermuten lässt 90 Meilen lang. Ein Hindernis taucht auf und ragt bedrohlich aus dem Sand…ein Walskelett! Abends laufe ich mit den Kindern meiner Freunde im Abendrot über den Strand in der Nähe unseres Camps und sammele einen Eimer essbare Muscheln, die man etwa 10 Zentimeter tief im Sand findet. An der Stelle wo die Wellen auslaufen findet man sie zu Hauf und sie bereichern jeden Abend unsere Tafel.  Ich verbringe viele Stunden mit den Kumpels in den mächtigen über einhundert Meter hohen Dünen von Ahipara, die sie wie die Profis auf leichten Geländemotorrädern durchpflügen. Da mir die Erfahrung im Tiefsandfahren fehlt, setzen sie mich auf ein leichtes Sportquad mit etwa 60 PS und nach einigen zaghaften Runden, verliere ich die Scheu und folge ihnen überall durch eine Landschaft wie man sie in einer der großen Wüsten der Welt vermuten würde, aber nicht in Neuseeland. Die Tage im hohen Norden Neuseelands vergehen viel zu schnell, gern hätten wir ewig weitergespielt.

Noch einmal über den Hokianga Harbour und den Waipoua Forrest durch die Gigantischen Kauriwälder führt mein Weg zurück nach Auckland, wo ich einige Tage mit meinem Freund Nehe, einem Maori aus Ruatoria in Waitakere verbringe. Waitakere Nordwestlich von Auckland gelegen ist eine Oase der Ruhe nur 15 Fahrminuten von der Riesenstadt entfernt. Inmitten üppiger Naturstehen vereinzelte Häuser und einzelne kleine Farmen und man würde nicht vermuten, dass hinter den Hügeln ein Moloch von Stadt lauert. Nehe war einer der ersten Maori, die ich 2001 hier kennenlernte und uns verbindet eine lange Freundschaft. Nehe stammt aus einem sehr rebellischen Ort an der Ostküste der Nordinsel und ist einer von Zwölf Widerstandskämpfern die vor 25 Jahren den gesamten Sicherheitsapparat inklusive Armee in Helikoptern forderte. Nehe stellte mich vielen Menschen in seiner Welt vor und ermöglichte mir so Zugang zu Regionen Neuseelands die sicher nicht zu den klassischen Tourismus Zielen zählen. Es ist herrlich Tagelang auf seiner Veranda zu sitzen, Muscheln in allen Variationen zuzubereiten und über das Leben der zivilisierten Welt und dem seiner Vorfahren zu sinnieren. Nach fast drei Wochen hat das Amerikanische Konsulat in Auckland schlussendlich meiner Visa Anfrage stattgegeben und ich konnte meinen Pass mit einem Visum abholen, dass nun zehn Jahre Gültigkeit hat. Eine weitere Lücke meiner Weltumrundung hat sich nun geschlossen und einer weiterreise in einigen Monaten steht nun nichts mehr im Weg.

Wiedersehen mit Lyndon, Forgotten World Highway, Wellington und weiter zur Südinsel

Ende Januar treffe ich Lyndon Poskitt, den ich etwa ein Jahr zuvor in Laos kennengelernt hatte. Der Brite, der auf seiner Rally KTM etwas schneller um die Welt reist als der gewöhnliche Abenteuerreisende war zuvor noch in Australien unterwegs und wir beide freuten uns ein paar weitere Kilometer hier gemeinsam in Neuseeland verbringen zu können. Nachdem wir sein Motorrad „Basil“ von der bestandenen Quarantäneprüfung befreit hatten, brachen wir auf um über den Forgotten World Highway nach Whangamomona zu fahren. Diese kleine Enklave mitten im Nirgendwo erklärte vor fünfzig Jahren seine Unabhängigkeit, nachdem der Neuseeländische Staat beschlossen hatte, die Straße die zu ihrem Dorf führt nicht mehr zu pflegen. Die wenigen Menschen die in Whangamomona verblieben waren gründeten eine Republik und verwalten sich und ihre Zufahrtswege seitdem selbst. Im einzigen Pub, gleichzeitig das Hotel des Ortes ist Sitz der Republik. Am Tresen kann der Reisende für eine kleine Spende seinen Reisepass mit einem seltenen Stempel versehen lassen. Wir sind Pudelnass als wir Whangamomona erreichen, ein kräftiger Regen hat uns unseren gemeinsamen ersten Tag über begleitet, so dass wir am frühen Abend ein Zimmer im Hotel unseren Zelten vorziehen. Da der nächste Tag nicht weniger Grau startet brausen wir kurzentschlossen durch bis Wellington. In Wellington besuchen wir das Nationalmuseum Te Papa, sicher eins der interessantesten Museen Weltweit mit tollen Exponaten aus ganz Polynesien und interessanten Ausstellungen zur modernen Geschichte der Kolonialisierung Neuseelands. An einem Sonntagmorgen rollen wir auf die erste Fähre des Tages um zur Südinsel Neuseelands überzusetzen.

Die Südinsel Te Wai Pounamu

Durch die Marlborough Sounds, Kaikoura Range, die Westküste hinab bis zum Südlichsten Punkt Neuseelands…

Nur eine halbe Stunde nachdem Lyndon und ich die Fähre in Picton, dem Ankunftsort aller zwischen den beiden Hauptinseln verkehrenden Fähren verlassen haben, kämpfe ich mich hinter ihm durch eine unsägliche Piste in den nördlichen Marlborough Sounds. Ich hatte vergessen dass der Brite am liebsten Offroad unterwegs ist. Offroad heißt für Lyndon nicht nur auf Schotterpisten und Forstwegen unterwegs zu sein. Er definiert den Begriff Abenteuermotorrad fahren anders als die meisten von uns. Lyndon fährt auch dorthin wo eigentlich kein Motorrad mehr fährt. Das gesamte Pistennetz der Südinsel ist auf der Webseite „Remotemoto“ zu finden und dort in fünf verschiedene Schwierigkeitsstufen gegliedert. Mir und dem Weißen Elefanten reicht die Schwierigkeitsstufe zwei vollkommen. Alles darüber hinaus ist einfach zu hart für uns! Mein Motorrad und die Ladung darauf sind einfach zu schwer und mein Können nicht ausreichend. Lyndon hat schlussendlich in den kommenden drei Wochen fast dreiviertel aller Offroadpisten der Südinsel unter die gesponserten Stollenreifen genommen und dabei vor keiner Schwierigkeitsstufe Halt gemacht… er ist Dakar Finisher…ein anderes Kaliber.

Gemeinsam fahren wir in den ersten zwei Tagen die Molesworth Station und die Rainbow Road, zwei über 140km lange Pisten durch Traumhafte Landschaft mit einigen knackigen Wasserdurchfahrten im nördlichen Teil der Südinsel. Mich treibt es an die Westküste, mit seinen üppigen Regenwäldern die dicht bis an die Strände der Tasman See wachsen, die hier besonders Wild auf die Küste brandet. Fast alle Wälder entlang der Küste, die mit 12(!) Metern Regenfall im Jahr gesegnet ist, sind intakt und konnten nicht wie die meisten ursprünglichen Wälder Neuseelands von den neuen Siedlern niedergebrannt werden. Es war schlichtweg zu nass um sie großflächig abzubrennen! In der kleinen Hafenstadt Greymouth habe ich vor Jahren gute Freunde gewonnen die Jade, bei den Maori „Pounamu“ genannt, Schnitzen. Pounamu kommt nur an der Westküste Neuseelands vor und ohne diesen grünen Stein der hier in dutzenden von verschiedenen Grünfärbungen zu finden ist, wäre die Geschichte der Maori nicht dieselbe. Diese in Neuseeland besonders harte Jade diente diesen Menschen zur Werkzeugherstellung. Sämtliche Holzarbeiten, der Bau von riesigen Kriegskanus, die von über Hundert Männern gerudert wurden und aus mehreren Bäumen zusammengesetzt waren, Kunstvoll verzierte Versammlungshäuser, quasi alles aus Holz im Alltag der Maori war verziert. Waffen wurden aus Jade hergestellt, Schmuckgegenstände, die oft noch heute tiefe spirituelle Bedeutung für sie haben wurden und werden aus dieser Jade hergestellt. Ganze Kommunen, wie Hokitika leben noch heute von diesem Stein.

In Greymouth gibt es einige kleine Fischerboote und in den Bergen des Hinterlands wird etwas Steinkohle Bergbau betrieben. Mancherorts schürfen einige Glücksritter nach Gold. Greymouth gleicht mancher kleinen Stadt am Rande des Ruhrgebiets. Touristen trifft man hier nur wenige. Die Hafeneinfahrt vom Grey River auf die Südliche Tasman See ist eine der tückischsten Weltweit. Viele Seeleute haben ihr Leben hier gelassen, ein Mahnmal mit vielen Namenstafeln aus über hundert Jahren, zeugen von der unberechenbaren See die die tapferen Männer erwartet wenn sie auf ihre meist Zweiwöchigen Touren gehen. Ich hörte in Greymouth derbe Geschichten über Fischer, die natürlich ohne Schwimmweste oder Rettungsring, in rauer See über Bord gingen und erst nach zwanzig Stunden Suche von ihren Kollegen wiedergefunden wurden…mit blauem Gesicht, aber lebendig! Die Westküste ist rau, ihre Bewohner haben sich angepasst.

Lyndon zieht es weiter und ich verbringe eine Woche bei meinen Freunden, tätowiere Sie, bekomme dafür wunderschöne Dinge aus Jade. Ich kann eine ganze Woche bei sonnigem Wetter in Greymouth verbringen. Eine Seltenheit wie man mir versichert.

Von Hokitika aus breche ich an einem Morgen sehr früh auf und fahre biszum Slope Point, dem Südlichsten Punkt Neuseelands und dem südlichsten Punkt meiner Reise. Meine Fahrt an diesem Tag führt durch die unendlichen Küstenwälder, vorbei an immer steiler aufragenden Bergen, den Neuseeländischen Alpen. Immer wieder überquere ich riesige Flüsse die von Gletschern gespeist, mal Türkisfarben oder Eisgrau in Richtung Tasmansee rauschen. Gewaltige Wolkenberge ziehen über das Meer heran und künden Regen an. Dazwischen ist der Himmel strahlend blau. Der Franz Josef und der FoxGletscher liegen auf meinem Weg. Sicher wunderschön, aber leider völlig überlaufen…bei meinem Blick auf den Fox Gletscher um neun Uhr morgens ist der Himmel gefüllt vom Lärm den etwa 10 Helikopter machen die wie Bienen hin und herfliegen um Touristen einen Blick auf Augenhöhe mit dem Eisgiganten, ohne den mühsamen Weg dorthin, zu gewähren. Nachdem ich den haast River überquert habe, führt die Straße ins Landesinnere nach Osten und erklimmt langsam ansteigend ein Hochtal, in dem der riesige Lake Wanaka liegt. Es ist Heiß im Sommer auf diesen trockenen Hochebenen der zentralen Südinsel Neuseelands. Die Landschaft ist Gelb und trocken und erinnert an Wüsten im Westen Amerikas. Von dem üppigen Grün einige hundert tiefer und wenige Kilometer westlich, ist hier oben nichts mehr zu sehen.

Am Abend erreiche ist den an den meisten Tagen des Jahres von kräftigen Winden heimgesuchten südlichsten Punkt Neuseelands…ich bekomme gerade noch mein Zelt auf die Wiese genagelt als es fürchterlich zu schütten beginnt…schnell Matte und Schlafsack und einige Dinge ins Zelt und in der folgenden Nacht wird der regen kaum schwächer. Es prasselt unvermindert bis in den kommenden Vormittag…erst am Mittag lässt die Sonne sich wieder sehen und ich treffe Lyndon wieder, der in den vergangenen Tagen kreuz und quer auf Offroadpisten unterwegs war. Gemeinsam besuchen wir Invercargill und können im örtlichen Werkzeugladen, das Original Motorrad von Burt Monroe bewundern. Burt Monroe, der in den sechziger Jahren auf dem Bonneville Speedway in Utah einen Landgeschwindigkeitsrekord für Motorräder aufstellte, der bis heute ungebrochen ist, gilt in Neuseeland als Legende. Burt, der seine 1920er Indian die er in Invercargill neu kaufte, immer weiter modifizierte und vierzig Jahre später im reifen Alter Rekorde aufstellte, wird in dem Spielfilm mit Herz und Hand, leidenschaftlich von Sir Anthony Hopkins gespielt. Ein sehenswerter Film moderner Neuseeländischer Geschichte.

Mount Cook, Dunedin und Christchurch

Am kommenden Morgen treibt uns ein positiver Wetterbericht zurück nach Norden wo ich endlich, nach meinem vierten Versuch “Aoraki“ oder Mount Cook, Neuseelands höchsten Berg zu sehen bekomme. Bei jedem vorausgegangenem Versuch versteckte sich der Riese und die umliegende nicht minder beeindruckende Kulisse hinter dichten grauen Wolken. Diesmal strahlten Schneebedeckte Gipfel und gewaltige Gletscher in der Bergwelt der Alpen. Am riesigen Gletschersee Lake Pukaki entlang,      

Die etwa 60 km entlang des Lake Pukaki, der in strahlendem Grün und Türkis die gesamte Strecke hinaus zum Mount Cook begleitet, sind bei diesem Wetter ein wahrer Genuss. Ein Zeltplatz inmitten der imposanten Gebirgskulisse ist schnell gefunden an diesem Abend. Am kommenden Morgen präsentiert sich Aoraki genau wie ich ihn bisher kannte…grau und mit dichten Wolken verhangen. Es war ein richtiger Entschluss hier gestern rauf zu fahren!

Am frühen Morgen des 13. Februar fahre ich gemeinsam mit Lyndon zurück nach Süden um in Dunedin am Abend seinen Reisevortrag über sein „Races to Places“ zu verfolgen. Etwa fünfzig Besucher finden sich in den Clubräumen des Otago Motorcycle Clubs ein um Lyndons Bericht zu seiner Reise beizuwohnen. Obwohl ich einige Kilometer mit dem fliegenden Briten gemeinsam unterwegs war und wir so manche Portion Nudeln mit Thunfisch, hungrig nach langen Fahrtagen geteilt haben, konnte ich noch viel Neues über seine Reise erfahren.

In Dunedin treffe ich auch meine Freunde Nico und Olaf aus Berlin noch einmal. Sie sind seit einem Monat mit Mietmotorrädern in Neuseeland unterwegs und nun finden wir endlich die Zeit mal einen Teil des Weges gemeinsam zu fahren. Bis Christchurch sind wir zu dritt unterwegs. In Christchurch treffe ich Riki Manuel nach 17 Jahren wieder. Riki, den ich 1999 in Samoa kennenlernte ist einer der Protagonisten der Nativen Maorikunst in Neuseeland. Seit über 30 Jahren bereichert er die Welt mit beeindruckender Holzbildhauerei und Tätowierungen. Sein Zuhause in Christchurch wurde bei dem verheerenden Erdbeben 2011 stark beschädigt, so dass er seit dem Beben mit seiner Familie in der ehemaligen Werkstatt lebt. Das Wohnhaus benutzt Riki seit dem Desaster als Atelier und inmitten von herabgefallenem Putz und Kaminteilen arbeitet Riki an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Ich genieße die Zeit und wir tätowieren einige Kunden in dieser Woche. Der Austausch mit Riki ist intensiv und ich lerne viel Neues über die Kultur und Kunst der Maori. Gemeinsam besuchen wir ein Versammlungshaus in der Nähe von Christchurch, an dem Riki alleine, über zwei Jahre alle Bildhauerarbeiten und Malerei ausgeführt hat. Ich bin zutiefst beeindruckt vom Können dieses Mannes. Zum Abschied schenkt mir Riki eines der Handwerkzeuge mit denen er wie seine Vorfahren Tätowierungen von Hand anfertigt.

Arthurs Pass, Westküste, Nelson und Queen Charlotte Drive   

An einem strahlenden Sommertag überquere ich den landschaftlich spektakulärsten Pass der Südinsel, den Arthurs Pass. Über die Flache Landschaft im Hinterland von Christchurch kann man die Gebirgskette der Südalpen bereits lange sehen bevor die Straße schließlich bei Sheffield in die Höhe zu schrauben. In langen Schwüngen geht es durch eine völlig andere Bergkulisse als an den anderen beiden Pässen Haast Pass und Lewis Pass die die Südalpen Neuseelands südlich und nördlich vom Arthurs Pass überqueren. Entlang des Lake Brunner führt mein Weg an diesem Tag noch einmal an die Westküste der Südinsel. Ich kann nicht genug bekommen von dieser Küste und erstaunlicher Weise, habe ich wieder Glück mit dem Wetter. Die Sonne strahlt abermals! Ich bewundere noch einige Sonnenuntergänge in Greymouth, esse frischen Fisch der vor der Küste gefangen wurde und es fällt mir schwer von hier schließlich aufzubrechen. Kurz vor Westport verlasse ich eine der schönsten Küstenstraßen der Welt um über die Victoria Range nach Nelson zu kommen. In Nelson besuche ich mit meinem Freund Wok, dem lokalen Tätowierer, das nationale Motorradmuseum von Neuseeland. Eine unglaubliche Privatsammlung an Motorrädern aus aller Welt wird hier gezeigt. Leider wird das Museum in den kommenden Monaten wieder seine Pforten schließen, da der Eigentümer schwer erkrankt ist. Am 23.2. bin ich sehr früh unterwegs um die erste Fähre des Tages zurück nach Wellington zu nehmen. In Havellock, berühmt für die Zucht von Grünlippigen Muscheln, biege ich ab und fahre über den kurvenreichen Queen Charlotte Drive an diesem Morgen und auch wenn ich hier schon oft unterwegs war ist diese Straße und die Aussicht auf den gleichnamigen Fjord, der tief ins Land hineinreicht, immer wieder sehenswert. Die Fahrt durch die Marlborough Sounds und anschließen über die Cook Strait zurück nach Wellington ist gekrönt von strahlendem Sonnenschein und ruhiger See an diesem Morgen.

Zurück auf der Nordinsel, Wellington, Ost Kap und Verpacken des Weißen Elefanten

Wellington ist das Zuhause von Roger Ingertons Tätowierstudio. Roger, der fast vierzig Jahre in der Cuba Street in Wellington seiner Kunst nachging ist ein Tätowierer der die moderne Tätowiergeschichte in Neuseeland geprägt hat wie kein anderer. Ich hatte das große Glück Roger der leider im April 2015 nach langer Krankheit verstorben ist, einige Mal persönlich zu treffen und mehrmals in seinem Studio in Wellington zu arbeiten. Tommy, der heute Rogers Tattoart in Wellington führt ist ebenso seit vielen Jahren ein enger Freund und ich genieße die Zeit gemeinsam in Rogers alter Wirkungsstätte.

Eine Region die mir besonders am Herzen liegt in Neuseeland habe ich auf dieser Reise bisher nicht aufgesucht, so kommt es, dass meine letzten Woche im Land der langen weißen Wolke ausschließlich dieser Gegend gewidmet ist.

Der Osten der Nordinsel Neuseelands ist wirtschaftlich eine benachteiligte Region Neuseelands. Viele der kleinen Kommunen entlang des Highway 35 von Gisborne nach Opotiki sind arm. Verbittertste Auseinandersetzungen wurden hier zwischen den neuen Kolonialherren und den nativen Maori gefochten. Im ersten und zweiten Weltkrieg wurden viele der Männer aus dieser Region Neuseelands zum Militärdienst eingezogen und dienten auf den Schlachtfeldern Europas und Nordafrikas. Hier heirateten bereits 1830 Europäer mit Maori und bekämpften gemeinsam mit ihnen die dreist landraubenden Briten, denen sie schlussendlich doch unterlagen. Die ökologischen Folgen dieser Landübernahme sind hier vielerorts sichtbar und die Rücksichtslosigkeit mit der hier vor 130 Jahren sämtliche ursprüngliche Vegetation niedergebrannt wurde, um Platz für Viehzucht zu schaffen, setzt sich heute in anderen Formen der Landnutzung durch schnellwachsende Nadelbäume fort. 12 lokale Maori mit langen Dreadlocks die Rastas oder Ngati Dread, setzten sich in Ruatoria während den achtziger und neunziger Jahren vehement für einen freien Zugang zu ihrem Berg „Hikurangi“, der von Farmland umzingelt war, ein. Es begann mit der schlichten Forderung, gefolgt von durchscheiden der Weidezäune und niederbrennen der Scheunen. Es gipfelte in jahrelange Auseinandersetzungen, bei denen unter anderem die Polizeistation, das Gerichtsgebäude und die Bankfiliale des kleinen Örtchens in Ruatoria niederbrannten. Spezialeinheiten von Polizei und Armee, die in nicht endenden Scharmützeln mit den rebellischen Einwohnern schließlich die Unbeugsamen unter ihnen vor Gericht brachte und diese anschließend teils viele Jahre in Hochsicherheitsgefängnissen verbrachten. Heute ist der Hikurangi frei zugänglich und wer ihn bezwingt, sieht an diesem östlichsten Punkt vor der Datumsgrenze, den ersten Sonnenstrahl eines jeden Tages. Die Unbeugsamkeit ist den Menschen in Ruatoria geblieben und auch wenn dieses Örtchen zu einer der ärmsten Gemeinden Neuseelands gehört, sind die Menschen Reich an Hilfsbereitschaft untereinander. Ein jeder hat einen gut gefüllten Vorratsschrank, der mit Wild, Fisch und Gemüse aus der umliegenden Natur überquillt. Fremden und dem Staat gegenüber ist man hier besonders misstrauisch. Ich zähle vielleicht zu den wenigen Außenstehenden, die hier in vielen vorausgegangenen Reisen enge Freundschaften knüpfen konnten. Ich kann mich ungezwungen mit der Kamera im Ort bewegen. Viele Tätowierungen habe ich in Ruatoria gemacht und jede Menge gute Zeiten erlebt. Diesmal war es mir eine besondere Ehre meinen Kumpel Whare, einen der ursprünglichen zwölf Rastas, bei seiner ehrenamtlichen Arbeit als Boxtrainer mit den Kindern Ruatorias beobachten zu dürfen. Gemeinsam mit dem Schuldirektor Phil kümmert sich Whare seit sechzehn Jahren um Kinder, die außer dem gemeinsamen Training nicht viel haben. Viele von ihnen haben nicht einmal Schuhe für den Sport. Der Ehrgeiz mit dem sie bei der Sache sind ist unbeschreiblich. Ihre Erfolge im ganzen Land bekannt. Mehrere nationale Titel sind von den gut ausgebildeten Amateurboxern Ruatorias in verschiedenenAltersklassen gewonnen worden.

Meine Reise durch den wilden Osten im Land der langen weißen Wolke endete in Opotiki, auch dort konnte ich viele alte Bekannte wiedertreffen…

Meine Reise durch Neuseeland auf dem Weißen Elefanten endet wo sie begann. In Paeroa nutze ich noch einmal die tolle Werkstatt von Mike Schween und baue eine weitere Luftfrachtkiste für mein Motorrad. Am 10.3. bringe ich im Firmenbus von Mike den großen Holzkasten mit dem teilzerlegten Motorrad zur Frachtfirma nach Auckland. Ich selbst werde am 13.3. in Tauranga meine Reise über den Pazifischen Ozean mit dem Frachtschiff beginnen. Trotz mehrerer Versuche eine Seefracht auf demselben Schiff zu organisieren mit dem ich weiterreisen werde, habe ich doch die Luftfrachtvariante gewählt. Der Preisunterschied war unerheblich und der bürokratische Aufwand einer Seefracht und Albtraum beim Zoll in einem Seehafen am Zielort führten dazu, dass der Elefant fliegt. Ich werde in den kommenden 18 Tagen gemäß meinem Motto auf dieser Reise unterwegs sein…nicht zu schnell! Von Tauranga fahre ich über Papeete in Tahiti weiter nach San Francisco. Von dort werde ich ab Mitte April beginnen den Nordamerikanischen Kontinent unter die Räder zu nehmen. Notch die Welt!

 

 

  

 

 

Heiko Gantenberg