Zick Zack Kurs durch Indien...

Von West Indien nach Bangkok in Thailand....

Anfang November 2014 bin ich am Südlichsten Punkt den ich während meiner Reise in diesem riesigen Land erreichte, im kleinen Hafenstädtchen Murud, etwa 180km südlich der Megastadt Mumbai, aufgebrochen um mich wieder in nördlicher Richtung zu bewegen. Die Wochen zuvor hatte ich vornehmlich in den beiden Städten Pune und Mumbai verbracht und etwa einen halben Monat am Arthur Stausee in der wunderschönen Umgebung von Bhandardara in der Provinz Maharashtra verbummelt. In Mumbai war ich zum Lunch beim Konsul der Deutschen Vertretung eingeladen und berichtete dort von meinen Eindrücken des Überlandreisens auf dem Motorrad von Europa nach Indien. Das Motorradfahren in Mumbai ist nicht empfehlenswert, für die Strecke vom Vorort Thane bis zum südlichen Ende dieser auf einer Halbinsel liegenden Megacity, etwa 25km, kann man außerhalb der Rushhour immerhin noch drei Stunden einplanen. Dieses Schneckentempo bei vierzig Grad, hoher Luftfeuchtigkeit und Smog, machen das Zweiradfahren zu einem besonderen Erlebnis. Bei einem Abendlichen Ritt durch das Verkehrschaos von Mumbai, gewann ich den Zweikampf gegen eine Rickshaw, ein dreirädriges Motorisiertes Transportmittel, im Indischen Verkehr sehr oft zu finden. Bei der Kollision mit meiner Africa Twin, verlor die Rickshaw das Vorderrad.

Mein treues Pferd schüttelte sich kurz. Außer einer Beule in der Motorschutzplatte und einem Schrecken beim Reiter passierte nichts, so dass wir ohne anzuhalten weiterritten um dem tobenden Mob der Rickshaw Fahrer nicht begegnen zu müssen. Wer im Dunkeln unbeleuchtet plötzlich seitlich meinen Fahrweg kreuzt, kann nicht mit meinem Schuldgefühl rechnen, wenn er sich an meinem Motorrad das eigene Fahrzeug kaputtfährt. Die allgemeine Haltung der Indischen Polizei bei Verkehrskonflikten ist, dass der aus dem Ausland kommende Fahrer nur schuldig sein kann, so war ich froh dieses Duell aufrecht und ohne anzuhalten verlassen zu können.          

Indien überraschte mich auch in der Provinz Maharashtra mit kultureller Vielfalt. Auch in dieser Provinz leben verschiedenste Ethnien und Religion, selbst in kleinen dörflichen Gemeinden friedlich Tür an Tür. Hatte ich mich in den weiten Ebenen der Provinzen Rajasthan und Gujerat den Monat zuvor oft gefühlt wie in den Wüstengegenden Pakistans und Irans, zeigte Maharashtra landschaftlich ein völlig anderes Gesicht. Üppiges Grün überall. Hügel aus denen teils schroffe Berge emporstiegen, deren sehr steile Hänge oftmals bis in große Höhe grün und dicht bewachsen waren. Die Menschen kleideten sich völlig anders als eintausend Kilometer nördlicher. Die Männer auf dem Land trugen plötzlich überwiegend kurze Hosen weiße Hemden und kleine weiße Schiffchen als Kopfbedeckung. Wie alle paar Kilometer üblich in Indien, sprachen sie natürlich auch wieder eine andere Sprache, so dass abermals alle Versuche meinerseits, in diesem Land mal ein paar Floskeln in Landessprache präsentieren zu können, wieder einmal kläglich scheiterten.

 

Eine Eigenart die in ganz Indien leider verbreitet zu sein scheint wurde mir im Küstenörtchen Murud leider nur allzu deutlich. Niemand in Indien scheint auch nur das geringste Umweltbewusstsein zu haben. Den Menschen scheint vielerorts jeglicher Bezug zur Natur komplett zu fehlen. In Murud ließ ich mich für zwei Wochen in einem sehr einfachen und günstigen Zimmer, direkt am Strand gelegen nieder. Ich hatte einige Schreibarbeit am Computer zu erledigen und war des ewigen Rumziehens auch mal für eine Weile überdrüssig. Ich wohnte also direkt am Strand und freute mich darauf jeden Tag nach ein paar Stunden Schreibarbeit etwas schwimmen zu gehen, die schöne Natur direkt vor meiner Nase zu genießen und am Abend von meinem Bett aus die Sonne dabei zu beobachten wie sie im Meer versinkt. Es kam leider anders.

Nachdem ich mich für einige Tage in Murud eingelebt hatte, im Ort mit etwa 12.000 festen Einwohnern schon bekannt war wie ein Bunter Hund, fielen mir immer mehr Dinge auf die man getrost als Umweltkatastrophe bezeichnen kann. Nicht weit von meinem Wohnort, im eigentlich Malerisch gelegenen Fischerdorf, gab es einige mehrstöckige Hotelgebäude, die gerade zum Wochenende immer Horden von saufenden Gästen, aus dem nahen Mumbai beherbergten. Da ich jeden Morgen kurz vor Sonnenaufgang die kühle Luft nutzte um einige Kilometer den Strand entlang zu Joggen, fiel es mir bereits am zweiten Tag auf, dass bei Ebbe die Fäkalien dieser Hotels durch die nur wenige Zentimeter unter dem Sand des Strandes verlegten kaputten Abwasserrohre nach oben quollen. Es war eigentlich der penetrante Geruch eines jeden Morgens der bei Niedrigwasser diese Art der Abwasserentsorgung enttarnte. Gepaart wurde dieser Duft vom beißenden Rauch unzähliger Müllfeuer, die das Atmen an diesem Küstenort vormittags zu einer giftigen Angelegenheit machten. Am Abend war es üblich kurz nach Sonnenuntergang sämtlichen Müll der in diesem Ort anfiel auf den Strand zu werfen. Die Taktik dahinter ist folgende…die Flut nimmt den Müll über Nacht mit hinaus aufs Meer und somit ist er, oh Wunder, verschwunden. Für mich als Mitteleuropäer unfassbar fand ich heraus, dass die gesamte Gemeinde keinerlei Müllentsorgung in anderer Form betreibt. Alles was in diesem Ort an Müll anfällt landet auf dem örtlichen Strand oder wird in unkontrollierten kleinen Feuern zwischen den Wohnhäusern der Menschen verbrannt. Sämtliche Fäkalien und Abwässer sickern ungefiltert durch den Strand ins Meer. Geschwommen bin ich dort schlussendlich kein einziges mal

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Immer wieder auf meinen Reisen durch Indien stand ich vor desaströsen Umweltsünden und fragte mich, warum die Menschen kein Empfinden dafür haben, dass sie ganz gewaltig an dem Ast sägen auf dem sie sitzen. Es scheint in diesem Bereich eine breite Unwissenheit zu herrschen die der dringenden Aufklärung bedarf, sonst wird dieses riesige Land in wenigen Jahrzehnten vor unlösbaren Schäden seiner Ökologischen Infrastruktur stehen.

Egal wo ich reiste in Indien traf ich auf hilfsbereite Menschen, deren Gastfreundschaft umwerfend war. Ich verbrachte viel Zeit bei Familien die mich einluden mit ihnen zu leben. Dort konnte ich das in Indien typische Leben von mehreren Generationen unter einem Dach als Familienverband erleben und ich war tief beeindruckt von der Harmonie die dort herrschte. Die Vielfalt der Küche Indiens ist so mannigfaltig wie die Sprachen, Religionen, Sekten, Heilige und Unheilige in diesem Weltweit wohl einmaligen Schmelztiegel der Kulturen. Die Rezepte größtenteils alt hergebracht, erprobt und sehr wohlschmeckend. Der gesamte Handel von Lebensmitteln findet auf kleinen Bazaren oder am Straßenrand statt. Supermärkte sucht man in Indien vergebens.

Auf dem Weg nach Delhi, wo ich Mitte November zur großen Internationalen Tattoo Convention eingeladen wurde, machte ich zwei Tage halt in Jaipur, in der Provinz Rajasthan. Diese von historischen Bauwerken und Künstlern vieler Gattungen reich bestückte Metropole des Wüstenstaates faszinierte durch Kilometerlange Bazare auf denen es zugeht wie vor fünfhundert Jahren. In Delhi war ich erstaunt von der „Milde“ des Verkehrschaos und den Hauptstraßen die Nachts teils sogar beleuchtet waren. In der Regel herrscht nachts auf Indiens Straßen Dunkelheit. Ein befreundeter Tätowierer lud mich ein in Delhi den Akshardham Tempel zu besuchen.

Das beeindruckende an dieser monumentalen Tempelanlage ist, dass sie ab 2001 innerhalb von vier Jahren errichtet wurde. Dieses Bauwerk demonstriert die Größe und die Leistungsfähigkeit des Indischen Volkes. Keine Nation der Welt kann so etwas in der heutigen Zeit in diesem Umfang bewerkstelligen. Die Anzahl an Arbeitsstunden die benötigt wurde, die Vielzahl der verschiedenen Künstler und Handwerker um das Bildhauerische Gesamtwerk dieser Tempelanlage zu kreieren, die Zusammenarbeit die erforderlich war, etwas so Monumentales in solch kurzer Zeit zu erschaffen, kann nur von einem Volk bewältigt werden, das sich als eine Nation versteht und in dem einzelnesich zurücknehmen und das gesamte ihrer Mission im Auge haben. Akshardham steht in seiner Pracht einem Bauwerk wie dem Kölner Dom um nichts nach, wurde aber in diesem Jahrtausend in nur vier Jahren errichtet.

Indien verblüfft seine Besucher oft im positiven, wie negativen Sinn.

Nach meinem Aufenthalt in Delhi brach ich auf um Varanasi für einige Tage zu besuchen. Varanasi eine der ältesten Städte der Welt saugte mein schwer beladenes Motorrad und mich auf in seinen herrlich chaotischen Verkehr. Ich wollte partout nicht aufgeben in der Altstadt unterzukommen und quälte meine Fuhre durch enge Gassen, die kaum breiter waren als der Lenker meines Motorrades. Von den Bewohnern bekam ich dafür staunende Blicke. Sicher hatten sie schon Besucher auf beladenen Reisemotorrädern in Varanasi gesehen, ich schien aber der erste zu sein, der bei der Wahl seiner Strecke durch diesen Ort, vollkommen Schmerzfrei war. Nach zwei Stunden Schritttempo mit Pilgern, Heiligen Kühen und Trauerprozessionen die ihren verstorbenen Verwandten zum Ganges trugen, musste ich schlussendlich klein beigeben und einsehen, dass es keine Übernachtungsmöglichkeit in der Altstadt gab, die ein Abstellen meines Motorrades ermöglicht hätte. Ein Motorrad in einer Indischen Stadt vor einem Hotel in einer belebten Gasse abzustellen ist gewagt. Man kann es zwar gegen Verschwinden mittels einer schweren Kette sichern, allerdings gibt es in Indien meist keinerlei Respekt vor fremden Eigentum und es wäre in einem Ort wie der Altstadt von Varanasi mit Sicherheit zu fehlenden wichtigen Bestandteilen meines Eisenpferdes gekommen. Die erste Bleibe die ich mit einem geeigneten Hinterhof zum Abstellen meines treuen Begleiters finden konnte, war dann doch einige Kilometer vom historischen Ortskern nah am Gangesufer entfernt. Am kommenden Morgen brach ich zu Fuß bereits vor Sonnenaufgang auf um diesen vom Fluss aus, auf einem kleinen Boot zu erleben. Die Stimmung am Ufer des Ganges und die dort vollzogenen Rituale sind kaum in Worte zu fassen und das Leben und Sterben an diesem Historischen Ort sicher ein prägendes Erlebnis für jeden Indien Reisenden.

Ich setzte meine Reise durch die Provinz Bihar, in Richtung Ost fort und erreichte über Darbhanga das Nadelöhr bei Shiliguri, wo Indien in einem schmalen Korridor an Bangladesch vorbei mündet.

Der Zugang zu den erst seit kurzer Zeit individuell zu besuchenden Nordoststaaten ist noch nicht lange möglich. An der Straße in Shiliguri lockte mich ein Hinweisschild ein letztes Mal auf dieser Reise in die Berge des Himalayas…Darjeeling war dort zu lesen…das musste ich gesehen haben. Leider fand ich diesen für seinen Tee berühmten Ort in dichten Regenwolken vor. Auf dem Weg dort hoch gab es bereits zu beiden Seiten Teeplantagen, soweit das Auge reichte. Wenige Tage später erreichte ich bereits Guwahati in der Provinz Assam am Ufer des mächtigen Brahmaputra gelegen. Diese letzte Indisch anmutende Stadt ist der letzte Ort in Indienin der es den wilden Misch der Kulturen und Religionen zu finden gibt. Weiter in Richtung Osten in der Provinz Nagaland, sind die Menschen überwiegend Christlichen Glaubens und ihre Gesichtszüge machen deutlich, dass man sich eigentlich längst in Südostasien befindet. Ein weiteres Ziel meiner Erforschung indigener Tätowierkunst auf meiner Wunschliste waren die traditionellen Stämme des Nagalands. Diese ehemaligen Kopfjäger waren einst üppig an Oberkörper und Gesicht tätowiert. Ein Ritual das ihnen zu Teil wurde, wenn sie für ihren Stamm erfolgreich auf Kopfjagd gegangen waren.

 

Zu meinem großen Glück wurde ich auf das größte Kulturfest der Region, dem zehn Tage währenden Hornbill Festival in Kohima, eingeladen. Dort arbeitete ich auf dem Festivalgelände mit einem befreundeten Tätowierer aus Guwahati der seit vielen Jahren sich auf die Fahnen geschrieben hat, diese alte Kunst seines Volkes zu revitalisieren, nachdem sie im Zuge der Christianisierung zum größten Teil verschwunden ist. Während des Festivals entstanden Kontakte die es mir ermöglichten im Anschluss an diesen beeindruckenden Event an dem alle sechzehn Stämme des Nagalandes in einer unbeschreiblichen Pracht ihre uralte Kultur präsentieren, weitere teils extrem abgelegene Siedlung im Grenzland zu Myanmar zu besuchen. Bei diesen Ausflügen in die Wildnis war ich abermals froh ein Motorrad zu fahren das durch die Fahrwerkskomponenten von Touratech wirklich jeden Spaß versteht und mich an Orte brachte, die selbst mit Allradgetriebenen Geländewagen kaum noch zu erreichen waren. Die ursprünglichen Tätowierungen die ich an diesen Orten finden konnte wurden teils vor über achtzig Jahren angefertigt. Den ältesten ehemaligen Kopfjäger den ich im Dorf Totok im Nagaland finden konnte, war 110 Jahre alt. Er erfreute sich guter physischer Gesundheit und begeisterte mit wachem Geist und unglaublichem Humor.

Die letzten Tage meiner viereinhalb Monate die ich Indien bereiste, verbrachte ich in den Provinzen Meghalaya wo ich von einem Hochplateau einen atemberaubenden Blick über Bangladesch genießen konnte. Weiter ging es in die Provinz Mizoram wo ich den Jahreswechsel erlebte, bevor ich am

2. Januar 2015 meine von endlosem Papierkram vorbereitete Durchquerung Myanmars begann.

Resümierend möchte ich meine Strecke in Indien wie folgt: Ich habe in Indien 15 Provinzen besucht und 13.500km zurückgelegt. Bis auf die abgelegenen Bergregionen Kaschmirs und den kaum besiedelten Gebieten in den Nordoststaaten Indiens, ist der Verkehr teils eine komplette Katastrophe. Der Verkehr in diesem Land ist nicht berechenbar. Ich bin unzählige Male dem sicheren Tod nur sehr knapp entkommen. Eine Ausbildung oder allgemeines Empfinden für Regeln im Straßenverkehr gibt es in Indien nicht. Die Verkehrspolizei ist ausschließlich damit beschäftigt Schmiergeld von LKW Fahrern einzutreiben. Eine Fahrerlaubnis gibt es Landesweit unter der Hand für umgerechnet sechs Euro zu kaufen. Jeder der die besiedelten Gebiete Indiens (der größte Teil Indiens ist dicht besiedelt…) unter zwei Räder nehmen möchte, egal ob auf der gemieteten Enfield oder der eigenen Maschine sollte sich darüber bewusst sein, dass es ohne Glück nicht geht. Mit gesundem Menschenverstand ist ein Überleben allein nicht zu bewerkstelligen. Den Zustand und die Infrastruktur des Straßennetzes in ganz Indien, kann man getrost als erbärmlich bezeichnen.

Mein Traum war es bei dieser Erdumrundung die Oberfläche des Planeten nicht zu verlassen und somit auf Luftfrachten für das Motorrad wenn irgend möglich komplett zu verzichten und Seefracht in Anspruch zu nehmen. So war ich besessen von der Idee Myanmar von Indien nach Thailand zu durchqueren. Dass dies mit hohen Kosten und viel Papierkram verbunden war hatte ich im Vorfeld bereits recherchiert, entschloss mich aber im Verlauf meiner Reise von Indien aus den Genehmigungsvorgang anzutreiben und die entsprechenden Agenturen, die eine Beibringung der benötigten Dokumente und Genehmigungen ermöglicht, zu beauftragen. Im Laufe dieses Verfahrens wurde mir bereits deutlich, dass dieses noch in alten Strukturen Myanmars verankerte Geschäft mit teils unsauberen Methoden arbeitet. Preise stiegen nach gemachten Zusagen, gesetzte Termine werden nicht eingehalten und erst wenn Unsummen geflossen sind werden Teilgenehmigungen überreicht. Das eigentlich benötigte Visum erteilen die Auslandsvertretungen Myanmars erst wenn ihnen dies von den bearbeitenden Agenturen angewiesen wird. Alles läuft auf den letzten Drücker und ich hielt meinen Pass mit dem benötigten Stempel erst 48 Stunden vor der Einreise nach Myanmar in den Händen, obwohl ich das Genehmigungsverfahren drei Monate zuvor mit Nachdruck gestartet hatte. Nur die Tatsache mit zwei Pässen zu reisen ermöglichte mir überhaupt, nicht in Delhi, wo sich die einzige Vertretung Myanmars in Indien befindet, festzusitzen bis mein Visum erteilt wurde. Man wird an der Grenze in Empfang genommen und ist ständig unter Bewachung, oder wie es die Agentur die die temporäre Einfuhr eines Fahrzeugs nach Myanmar organisiert, blumig beschreibt, Begleitung. Jede Tagesetappe, jede Übernachtung, jede Mahlzeit alles ist minutiös geplant und Abweichungen von diesem Plan sind nicht erwünscht.

Myanmar und seine Menschen gleichen den Menschen der Nordostregionen Indiens kurz nach Grenzübertritt im winzigen Örtchen Tamu zwar äußerlich, aber kulturell geht es sofort anders zu. Der überwiegende Teil der Menschen sind Buddhisten. Die Nahrung unterscheidet sich deutlich…die Menschen Essen mit Essstäbchen und nicht mehr mit den Händen. Der Verkehr läuft sanft und zivilisiert. Es wird auf der rechten Seite der Straße gefahren. Es liegt kein Müll herum. Myanmar mutet unmittelbar in vielen Bereichen entwickelter an als der große Nachbar Indien. Ein Teil der Straßen ist in hervorragendem Zustand. Die Teile die im Zuge der Aufarbeitung der Infrastruktur erneuert wurden, sind vollkommen zerstört und 160km zwischen Kalay und Monywa an meinem zweiten Fahrtag in Myanmar gehörten zu den technisch anspruchsvollsten Pisten, an denen ich mich bisher auf dieser Reise versuchen durfte. Flussdurchquerungen, Geröll, loser Sand und teils über einen Meter tiefe Rinnen galt es auf diesem Abschnitt zu überwinden. Nachdem ich meinen Bewachern deutlich gemacht hatte, dass ich keinesfalls den Staub des Begleitfahrzeuges fressen werde, vorne weg fahre und von Zeit zu Zeit auf sie warten werde, konnte ich meinen Spaß auf dieser Strecke genießen. Bei Regen ist dieser Abschnitt sicher kaum befahrbar. Wie mir einer der Bewacher berichtete kam es in den letzten Wochen der Regenzeit zwei Monate zuvor auch zu mehreren Unfällen von Motorradfahrern die dort durchgeschickt wurden. Die Alternativstrecke nach Monywa ist um einiges länger und wird selbst bei widrigen Pistenbedingungen von den Agenturen wahrscheinlich aus Profitgier nicht genutzt. Für einen Briten war nach einem Sturz mit kompliziertem Beinbruch die Reise beendet. Interessierten sollte bewusst sein, dass für eine Durchquerung Myanmars allein zur Bewältigung dieses Teilabschnittes, eine gewisse Sicherheit bei der Fahrtechnik und vor allem bei Nässe eine Grobstollige Bereifung des Motorrades unerlässlich sind. Viele weitere Hauptverkehrswege auf denen man in Myanmar von seinen Begleitern geführt wird sind in sehr gutem Zustand und der Ausbau geht zügig voran. Sehr zum Leid einer Heerschar von Zwangsarbeitern, die das Straßennetz Myanmars mit mittelalterlichen Methoden und unzähligen hart zupackenden vornehmlich weiblichen Händen unter erbärmlichen Bedingungen, ausbauen.   

Ich hatte wenige Stunden die Zeit die Städte Monywa und Mandalay zu besuchen. In Monywa entkam ich meinen Bewachern sogar zufällig für ein paar Stunden und erkundete den Ort auf eigene Faust. Die Menschen Burmas sind Herzlich und neugierig über den fremden Besucher. Sie laden einen spontan ein Speisen zu probieren und gieren spürbar nach Informationen und Eindrücken aus dem Rest der Welt. Das dieses Land dabei ist demokratisiert zu werden, halte ich persönlich für ein Gerücht. Das plötzliche Verstummen meiner Gesprächspartner wenn einer meiner Bewacher auftauchte macht mir schnell deutlich, dass noch immer große Angst vor der allgemeinen Bespitzelung besteht und das Vertrauen der Menschen in ihre Regierung scheint nicht vorhanden. Bei einem Anteil von etwas über 50% Militär bei den Regierungssitzen nach einer über sechzig Jahren herrschender Militärdiktatur nicht schwer nachvollziehbar. Am dritten Tag meines Myanmaraufenthalts flog man mich ohne Motorrad in den Norden Burmas…dort wollte ich unbedingt an einem weiteren Kulturfest der dort ansässigen Stämme der Region Katchin teilnehmen. Mir wurde erklärt das es sei zu gefährlich dort hin zu fahren ich müsse mit meinem Begleiter fliegen. In Katchin erkrankte ich schwer. Immer widerkehrende starke Kolik artige Krämpfe zwangen mich schließlich ein Krankenhaus aufzusuchen. Dort konnte man Mangels Ausrüstung nicht ergründen woher diese Schmerzen stammen. Es wurde vermutet ich leide unter einer Darmkolik. Sicherheitshalber stellte ich das Essen bis auf ein paar Löffel gekochten Reis pro Tag um die Magensäure unter Kontrolle zu halten, vollkommen ein. Es blieb mir nichts übrig als mit immer widerkehrenden Krämpfen die verbleibenden Tausend Kilometer von Mandalay nach Mae Sot zur Thailändischen Grenze zu bewältigen. In drei erbärmlichen Tagen in denen ich mehrmals täglich für manchmal einige Stunden am Straßenrand liegen musste bis die Krämpfe vorüber waren, arbeitete ich mich näher ans rettende Ufer. Eine Anfrage bei der Notfallrufnummer der Deutschen Botschaft in Rangun brachte dasselbe Ergebnis das meine Begleiter bereits verrieten. In Myanmar gibt es keine Medizinische Infrastruktur. Sehen sie zu dass sie so schnell wie möglich nach Thailand kommen, riet mir die Dame am Telefon der Botschaft. Da der Eigentümer der Reiseagentur in Myanmar, wie ich leider zu spät herausfand, ein ehemaliger General des Militärs, bereits Andeutungen machte mich doch besser nach Deutschland zurückfliegen zu lassen, wurde mir zusätzlich mulmig. Dieser Schurke wollte natürlich kein schlechtes Licht oder wohlmöglich einen schwer erkrankten Touristen in seinem Portfolio und anscheinend machte er sich bereits Gedanken wie er möglichen Schaden für sein Geschäft abwenden könne.                       

Am Abend des 14.1.2015 rollte ich endlich über die Grenze nach Thailand. Die Weltweite Touratech Familie war informiert über meinen miesen Zustand und die fantastischen Menschen von Touratech Thailand organisierten die umgehende Abholung für mein Motorrad und mich an der Grenze. Man schaffte mich direkt in ein gutes Krankenhaus in Bangkok, wo man nur eineinhalb Stunden nach meinem Einchecken, mir nach erfolgter Computertomografie gezeigt wurde, wo überall in meinem Körper Nierensteine hingen, die das verursachten was mein Leben seit einer Woche zur Hölle machte. Noch am selben Tag wurde ich operiert und genese jetzt an einem wunderschönen ruhigen Ort in der Nähe der Touratech Zentrale im Osten Bangkoks.

Wenn ich wieder bei Kräften bin werde ich meinem Motorrad nach nunmehr 29.000 zurückgelegten Kilometern einen überfälligen Service gönnen und anschließend meine Reise hier in Südostasien fortsetzen. Notch die Welt.

                                    

   

Heiko Gantenberg